Technische Schulden - mit Notizen

Click here to load reader

  • date post

    09-Jan-2017
  • Category

    Software

  • view

    567
  • download

    2

Embed Size (px)

Transcript of Technische Schulden - mit Notizen

  • Technische Schulden

    Gerrit Beine adesso AG

    Es ist mir eine groe Freude, heute ber technische Schulden sprechen zu drfen.

    Als ich die Zusage fr den Vortrag erhielt, war ich einigermaen berrascht, dass er als Keynote ausgewhlt wurde.

    Damit hatte ich nicht gerechnet.

  • Vorstellung

    Managing Consultant bei adesso Software Philosoph, nimmermder Verbesserer,

    Informatik-Vagabund Themen

    Agilitt Software Architektur Antifragilitt & Schwarze Schwne Technical Debt & Legacy Code Software Engineering Economics Interkulturelle Aspekte von Software Engineering

    iSAQB e.V. Board Member, openSUSE Member, Agile Saxony Organisator

  • Immer, wenn Menschen sich ber die Zukunft Gedanken machen, fllt im Hintergrund das

    Schicksal lachend vom Stuhl.

    Gleich vorab eine Weisheit, die das Thema technische Schulden sehr gut widerspiegelt.

    Egal, wie gut wir unser Projekt planen, es kommt anders.

  • Ich werde heute unter anderem ber diese beiden Herren sprechen.

    Kennt die jemand?Das oben ist Friedrich Hayek und das unten ist John Maynard Keynes.

    Die beiden hatten sehr unterschiedliche Ansichten zum Thema Schulden, die auch fr das Thema der technischen Schulden sehr interessant sind.

    Und ich werde ein bisschen ber die Gesetzeslage sprechen, die eine Ursache dafr ist, dass technische Schulden so wirken, wie sie derzeit wirken.

    In dem Zusammenhang spreche ich dann auch noch ber diese Kollegen. Lehman Brothers.

    Vielleicht erinnert sich noch jemand an die, fr alle anderen: deren Pleite war der Ursprung der Finanzkrise vor einigen Jahren.

    Achja. ber Geld spreche ich auch noch. Auch wenn wir in der IT nur uerst ungern ber Geld sprechen.

    Ganz zum Schluss erklre ich dann noch zwei praktische Tools, die ein Management technischer Schulden erlauben.

  • Technische Schulden

    Brauchen wir wirklich eine andere Metapher?

    Die erste Frage, ber die ich mir im Zusammenhang dieses Vortrags Gedanken gemacht habe, stammt aus einem Artikel, den ich vor einiger Zeit gelesen habe.

    Hier wurde die These aufgestellt, dass wir den Begriff Technische Schuld durch einen anderen ersetzen sollten, weil er immer zur Diskussion fhrt, wer schuld sei.

    Ich halte das fr ziemlichen Kse. Schulden haben und schuld sein sind zwei vllig unterschiedliche Konstrukte.

    Dazu machen wir mal einen Ausflug in die Etymologie.

  • Ein kurzer Ausflug in die Etymologie

    Moralisches Konstrukt

    Verletzung der Interessen Anderer

    Versto gegen das Gewissen

    Pflicht, dem Recht zu folgen

    Zeitlich ungebunden

    Englisch: guilt

    Rechtliches Konstrukt

    Zeitlich gebunden

    Finanziell oder materiell verknpft

    Pflicht zum Ausgleich

    Englisch: debt

    Schuld Schulden

    Im Deutschen benutzen wir den Begriff Schuld fr zwei vllig unterschiedliche Dinge.

    Zum Einen ist da das moralische Konstrukt der Schuld, die aus einer Verletzung der Interessen Anderer oder ein Versto gegen das Gewissen resultiert.

    Diese Schuld resultiert aus einer Pflicht dem Recht zu folgen und ist zeitlich ungebunden, es gibt aber keine Pflicht - und manchmal auch keine Mglichkeit - sie auszugleichen.

    Im Englischen wird fr diese Schuld der Begriff guilt verwendet.

    Zum Anderen haben wir die Schulden, die ein rechtliches Konstrukt darstellen.

    Sie sind zeitlich gebunden und im Allgemeinen finanziell oder Material verknpft.

    Fr sie besteht eine Pflicht zum Ausgleich.

    Im Englischem wird fr solche Schulden der Begriff debt verwendet.

    Beides sind zwei unterschiedliche Dinge, die nur durch einen etymologischen Unfall im Deutschen mit dem gleichen Begriff bezeichnet werden.

  • Zunchst ist festzuhalten: Schulden sind nicht schlecht.

    Halten wir zunchst etwas fest, dass den Schwaben unter uns schwer zu schaffen machen wird:

    Schulden sind per se nicht schlecht.

    Schulden sind einfach nur da.

    Die Mglichkeit, Schulden zu machen, ist ein fundamentales Grundprinzip unseres Wirtschaftssystems.

    Viele Dinge wren ohne das wirtschaftliche Konzept Schulden undenkbar.

  • Zwei Arten: ffentliche Schulden

    Public debt is irrelevant. John Maynard Keynes

    Aus makrokonomischer Sicht gibt es zwei Arten von Schulden:

    Einerseits die ffentlichen Schulden, ber die John Maynard Keynes sagte, dass sie egal seien.

    Reinhard und Rogoff haben mit This Time is Different ein sehr interessantes Buch ber die Geschichte der ffentlichen Schulden geschrieben.

    Aber alles, was wir heute in der Makrokonomie wissen, deutet darauf hin, dass Keynes nicht ganz falsch lag.

    Zumindest sind smtliche Modelle, die ihn zu widerlegen versuchten, gescheitert.

  • Zwei Arten: und private Schulden

    Anders schaut es mit privatenSchulden aus

    Auf der anderen Seite stehen die privaten Schulden.

    Diese sind fr die Makrokonomie viel wichtiger als die ffentlichen Schulden.

    Knnen die privaten Schulden in einer Volkswirtschaft nicht mehr bezahlt werden, bricht sie zusammen.

    John Kenneth Galbraith hat mit Eine kurze Geschichte der Spekulation eine sehr angenehm zu lesende Zusammenfassung der Resultate privater Schulden, die aus Spekulation resultierten, geschrieben.

    Private Schulden sind also nicht egal.

    Ganz im Gegenteil.

  • Wie passen technische Schulden da rein?

    Die groe Frage ist nun: Wie passen technische Schulden in dieses System?

    Folgen sie dem Modell der ffentlichen Schulden oder dem der privaten Schulden?

    Die Antwort ist: Weder - noch.

    Technische Schulden folgen keinem der beiden Modelle, sondern funktionieren auf eine ganz andere Weise.

    Machen wir einen kleinen Ausflug in die Gesetzgebung, um herauszufinden, warum das so ist

  • Es begab sich am 29.5.2009

    Selbst geschaffene immaterielle Vermgensgegenstnde des Anlagevermgens knnen als Aktivposten in die Bilanz aufgenommen werden. Nicht aufgenommen werden drfen selbst geschaffene Marken, Drucktitel, Verlagsrechte, Kundenlisten oder vergleichbare immaterielle Vermgensgegenstnde des Anlagevermgens.

    Es begab sich am 29.5.2009 als der 248 HGB eine fundamentale nderung erfuhr.

    Seit diesem Tag ist es mglich, selbst geschaffene immaterielle Vermgensgegenstnde in Unternehmensbilanzen zu aktivieren.

    Software ist so ein selbst geschaffener immaterieller Vermgensgegenstand.

  • Das passt ganz hervorragend zu diesen Kollegen:

    Warum das ein Problem ist?

    Ganz einfach: diese Gesetzesnderung folgt dem Weg, der zur Pleite von Lehman Brothers gefhrt hat.

    Kennt ihr noch die Geschichte dazu?

    Ich beschreibe das hier mal ganz einfach, die Wirklichkeit ist natrlich viel komplizierter:

    Die Kollegen von Lehman Brothers hatten Kredite - also Fremdkapital - die gebndelt waren, als Wertpapiere gekauft und diese als Vermgensgegenstnde in die Unternehmensbilanz aufgenommen.

    Als die Kredite ausfielen - private Schulden, die nicht zurckgezahlt werden konnten, Galbraith grt - gingen Vermgensgegenstnde von Lehman Brothers pltzlich in nichts auf.

    Die Bilanz ging kaputt und die Bank ging pleite.

  • Die Bilanz

    Aktiva Passiva

    Vermgens- gegenstnde

    Eigenkapital

    Fremdkapital

    Software steht hier!

    Schauen wir uns mal so eine Bilanz an.

    Auf der rechten Seite stehen die sogenannten Passiva.

    Im Wesentlichen sind das Eigenkapital und Fremdkapital.

    Auf der linken Seite stehen die Vermgensgegenstnde.

    Und eben auch der Wert der Software.

    Nur wie entsteht dieser Wert?

  • Betriebswirtschaftliche Logik

    Software zu bewerten ist schwer. Also wird bewertet, was bewertet werden kann: der

    Aufwand der Erstellung der Software. Technische Schulden sind ein Aufwandstreiber:

    Je mehr technische Schulden, desto mehr Aufwand. Je hher der Aufwand, desto wertvoller die Software.

    Na, wer kennt das Ende?

    Der Wert von Software ist relativ schwer zu ermitteln.

    Also versucht man, den Wert auf die einfachste mgliche Weise zu ermitteln.

    Und das ist bei Software die Zeit, die fr ihre Erstellung bentigt wurde.

    Wir nennen das in der Regel den Aufwand.

    Unser Problem mit den technischen Schulden ist, dass diese ein Aufwandstreiber sind.

    Das bedeutet, mehr technische Schulden fhren zu mehr Aufwand.

    Und je hher der Aufwand fr die Erstellung der Software, desto wertvoller ist sie.

    Im Prinzip ist das der gleiche Mechanismus, der auch zur Pleite von Lehman Brothers gefhrt hat:

    Etwas, das eigentlich negativ wirkt, wird als Vermgensgegenstand bewertet.

    BWL ist halt keine exakte Wissenschaft.

  • Das ist der Grund, warum es in vielen Unternehmen kein konomisches

    Verstndnis fr technische Schulden gibt.

    Dieser Bug in der wirtschaftlichen Betrachtung von Software ist der Grund, warum es kein konomisches Verstndnis fr die Entwicklung von Software gibt.

    Und warum es keine validen Wertmodelle gibt, die Software korrekt erfassen knnen.

  • Ja, und nun?

    Was machen wir nun mit diesem Wissen?

    Aufgeben?

    Eine neue BWL erfinden?

    Alle Softwareunternehmen auf den Pfad von Lehman Brothers schicken?

    Einfach keine Schulden mehr machen?

  • Wir brauchen technische Schulden!

    Der Punkt ist: Keine technischen Schulden zu machen, ist keine Option.

    Wir bentigen technische Schulden ebenso wie wir die Mglichkeit finanzieller Schulden bentigen.

  • Technische Schulden helfen uns, Software schnell auf den Markt zu bekommen.

    Technische Schulden helfen uns, Entscheidungen auf den letztmglichen Zeitpunkt zu verschieben.

    Technische Schulden helfen uns, Projekte zu